Art City

#Iamhere 2/3

Julie en Rose betrachtet eine Ausstellung.

Selfies als Form des Protestes & der Verweigerung


Im zweiten Teil lernt ihr meinen Lieblingskünstler der Ausstellung Ich bin hier und eine Spielart künstlerischer Überhöhung von scheinbar Belanglosem kennen. Die Bedeutung von Selfies hatten wir im ersten Teil der Serie hier schon besprochen. :-) Meine Meinung zu den einfachen Dingen des Lebens könnt ihr außerdem im Blog-Intro erfahren. Los geht’s!

Ich meine, wenn wir aufgeben, dann sind wir Teil des Verbrechens. (Ai Weiwei, 2011)

Neben universal codierter und inszenierter Bildsprache, kann ein Selfie aber auch authentischen Protest und Aufklärung verkörpern: Als Ai Weiwei 2009 festgenommen wird, schafft er es gerade noch ein Selfie im Aufzug zu schießen und so via Twitter der Welt live mitzuteilen, welches Unrecht ihm gerade widerfährt.

Selfie im Aufzug als Ai Weiwei

Ai Weiwei, Illumination, 2014 © Ai Weiwei, The image is courtesy of Ai Weiwei Studio


Auch sein vielschichtiges Mirror-Selfie finde ich persönlich höchst spannend. Es wirft Fragen zum Verhältnis von Bild und Abbild, sowie zu den verschiedenen Stufen und Abstufungen von Realität, auf. Ein pinkes Pflaster auf dem Smartphone sticht sofort ins Auge. Warum ist es da? Will der Künstler auf eine Verletzung hinweisen oder darauf, dass er seine Handykamera abklebt, um sich vor staatlicher Überwachung zu schützen? Nein! Denn bei näherem Blick erkennt man den umgekehrten Schriftzug: The Danger becomes stronger, if… you don’t act. Ein Zitat, dass Ai Weiwei im Dokumentarfilm Never Sorry (2012) benutzt, als er über die bedrohliche Situation für Freidenker in seinem Heimatland spricht.

Mirror Selfie Ai Weiwei

Ai Weiwei, Self portrait © Ai Weiwei, The image is courtesy of Ai Weiwei Studio


Der chinesische Künstler nutzte Social Media (wie Instagram) schon früher gerne und ist sich sehr wohl darüber bewusst, dass er überwacht wird. Wenn er also plötzlich nichts mehr posten würde, wäre das verdächtiger und würde die Überwachung von staatlicher Seite nur intensivieren. Wenn er die Social Media täglich selbstbestimmt füllt, kann er sie dagegen gezielt einsetzen. Besonders während der Zeit, in der er unter Hausarrest stand, waren sie seine wichtigste Quelle, um den Kontakt zur Außenwelt zu halten: Denn Ai Weiwei nutzt digitale Kanäle nicht einseitig, sondern nimmt ihr entschiedenstes Charakteristikum, die Rückkanalfähigkeit, ernst.

In der Installation One-to-One with the Artist (2010-2011, Tate Modern) konnten Besucher Fragen per Video-Botschaft aufnehmen. Der Künstler beantwortete diese ebenfalls per Videonachricht. Zu sehen war diese Kommunikation im Ausstellungsraum, aber auch auf der eigens eingerichteten Projekt-Webseite. So wird der Museumsraum transmedial in die virtuelle Welt erweitert. Wichtig ist, dass Ai Weiwei nicht nur Fragen beantwortet, sondern auch seine eigenen Fragen an die User heranträgt. Das Verhältnis zwischen Künstler und Besucher wird so direkter und persönlicher.

Der Unterschied seiner Selfies zu anderen liegt darin, dass er die aktuell beliebten Plattformen nutzt, um seine künstlerischen und politischen Botschaften in die heutige Gesellschaft zu transportieren.

Ai Weiwei postet aber, genauso wie wir, auch viele alltägliche Schnappschüsse, z.B. von seinem Essen oder Treffen mit Freunden. Ob, er dass jetzt extra für das Überwachungspersonal postet oder sich auch als Privatperson mitteilen möchte, bleibt sein Geheimnis. Ich vermute beides, und das macht ihn mir noch sympathischer. Eine Auswahl seiner Instagram Selfies findet ihr hier und hier. :-)

Bunte Lichtsäulen mit tausenden Bildern eines Künstlers.

Hasan Elahi, Stelae, 2015

 

Wenn wir schon beim Thema staatlicher Überwachung und Social Media sind, möchte ich euch noch auf ein spannendes Kunstwerk von Hasan Elahi aufmerksam machen, dass ihr aktuell im ZKM Karlsruhe im Rahmen der Ausstellung Global Control and Censorhip sehen könnt. Auch er bekam mit, dass er über die sozialen Medien überwacht wird, obwohl er nicht politisch aktiv war. Oft reicht schon ein bestimmer Klang des Namens, um ins Fadenkreuz der Geheimdienste zu gelangen. Elahi wählte die Flucht nach vorne. Postet seither täglich Selfies und Schnappschüsse aus jeder erdenklichen Alltagssituation. An den ausgestellten riesigen Lichtsäulen lässt sich die Bilderflut ansatzweise erahnen. Wer mehr zu dieser sehenswerten, interaktiven Ausstellung erfahren möchte kann sich hier ein kurzes Video ansehen.


Malewitsch verhilft Dir zum Anti-Selfie


Aber nicht jeder mag den neuen Selfie-Trend. Viele sind genervt, dass Menschen an allen erdenklichen Orten und Situationen ihr Gesicht in die Kamera halten; den Kopf leicht zu Seite senken und schlimmstenfalls auch noch einen Kussmund formen. Ich gebe zu, als Zuschauer dieses Treibens, kommt einem das manchmal schon komisch und befremdlich vor. Weil Personen mehr mit Posing und dem richtigen Handywinkel beschäftigt waren, als mit der tatsächlichen Situation, sind bekanntlich auch schon einige Unfälle passiert.

Dennoch ist das Selfie in der Gesellschaft angekommen. Das Star-Selfie hat z. B. längst das klassische Autogramm abgelöst. Warum ist das so? Früher zeigte man Freunden stolz die Autogrammkarte am nächsten Tag in der Schule und empfand das als zeitnah. Die veränderten Raum- und Zeitverhältnisse, die durch das Internet und die mobilen Geräte möglich wurden, haben aber unser Verhalten geprägt und verändert. Wenn jetzt etwas passiert, wollen (und können!) wir es gleich wissen, aber bitte mit Bild-Beweis. Warum? Weil es geht! Dabei wird nur oft vergessen, dass Bildmanipulation seit jeher Teil des Genres ist. Aber das ist ein anderes Thema… Worum es hier gehen soll ist eine Bewegung, die ihren Unmut über die Selfie-Manie – oder -Kultur, das ist eben der Streitpunkt – mit künstlerischer Überhöhung zum Ausdruck bringt.

Verweigerung der Kommunikation ist auch eine Art der Kommunikation

Anti-Selfie mit Malewitsch Quadrat.

Ich finde es wichtig nicht nur „über“ die Dinge zu schreiben, sondern sie auch ausprobiert zu haben. Distanznahme und Reflektion können in einem zweiten Schritt erfolgen.


Ich verstehe den Anti-Selfie Club der Bilder mit Malewitsch’s schwarzem Quadrat überblendet, deshalb nicht als wirkliche Verweigerung, sondern als weitere Spielart des Selfie-Trends: Ich überhöhe ein profanes Bild mit einer künstlerischen Geste und drücke meine Ablehnung gegenüber dieser Art der Kommunikation mit meinem verstecktem Gesicht aus. Aber was erreicht man damit? Richtig, eine Aussage und eine universelle Bildsprache; statt Zwinker-Smiley, eben ein Malewitsch-Selfie.

Auch wenn die Macher vielleicht etwas Anderes damit sagen wollen: Dass es sie nervt dass jeder sein Gesicht in die Kamera hält und sich für wichtig hält; dass es aus Datenschutzgründen bedenklich ist; dass die Privatsphäre in den sozialen Medien genauso zu schützen ist, wie in den eigenen vier Wänden… Berechtigte Denkanstöße, aber schließlich werden doch die Mechanismen genutzt, um die es bei Selfies geht: Live-Kommunikation und die Schaffung universeller Zeichenhaftigkeit. Codes, die jeder sofort versteht. Einen gut illustrierten Artikel zum Anti-Selfie-Club findet ihr übrigens auch in der Zeitschrift Andy Warhol’s Interview.

Als nächstes veröffentliche ich den letzten Post dieser Serie, in dem ihr mehr fotografische Einblicke in die Ausstellung Ich bin hier erhält und das Lieblingsbild des Kurators kennenlernt.


LOSE YOUR HEAD – Nachtrag 12/2015

Eine weitere Anti-Selfie-Ästhetik entwickelt der Designer Guiseppe Pepe. Auf Instagram teilt er dynamische Schnappschüsse von Personen, allerdings sind sie alle kopflos. Zu den sehenswerten Pics geht es hier.

You Might Also Like

No Comments

Leave a Reply